‘Schwefelwasser: wie schafft er das?’ Reinjan Mulder – Multitalent zwischen Strafrecht, Literatur und Kunst

Am 20. September erscheint im Volk-Verlag in München Schwefelwasser, die deutsche Fassung von Reinjan Mulders Buch Zwavelwater (Boom, 2019). Die Historikerin dr. Ingvild Richardsen, die die Reihe herausgibt in der Schwefelwasser erscheint, hat eine kurze Biografie über den Autor verfasst, in der sie seine Herkunft und sein vielfältiges berufliches Tun und Wirken beschreibt.
Wie kann jemand gleichzeitig Rechtsgelehrter, Journalist und Künstler sein? 
Im folgenden seien einige Schlaglichter geworfen: auf die  Herkunft, Ausbildung und beruflichen Werdegang von Reinjan Mulder sowie auf prägende Geschehnisse, Personen und Jahre.

Reinjan Mulders Geburtshaus im Jahr 1945, kurz nachdem das gegenüberliegende Haus von den Deutschen als Vergeltung für den Eisenbahnstreik niedergebrannt wurde (Foto Carl Hulscher / Widerstandsmuseum Amsterdam)

Von Ingvild Richardsen
Dass der Niederländer Reinjan Mulder 1949 in Geldermalsen, einem Dorf in der Nähe der Kleinstadt Tiel, geboren wurde, hing mit der beruflichen Tätigkeit seines Vaters zusammen, der 1945, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzungszeit, von der niederländischen Eisenbahn, für die er arbeitete, in die Gegend der Betuwe versetzt worden war. Piet Mulder (1919-2001), im südlichen Sint Jansteen (Zeeuws Vlaanderen) geboren, hatte in Amsterdam studiert an der dortigen Technischen Hochschule, und sich auf Bauwerke, den Neubau von Brücken und Häusern spezialisiert. Nachdem er 1942 eine Stelle als technischer Zeichner bei der niederländischen Eisenbahn im Hauptamt in Utrecht erhalten hatte, wurde er wenig später technischer Inspektor, mitverantwortlich für die Beaufsichtigung großer Bauwerke, Bahnhöfe, Viadukte und Brücken der Eisenbahn. Parallel dazu besuchte er in seiner Freizeit die Abendschule an der Kunstakademie Artibus in Utrecht.
Bis September 1944. Als während der deutschen Besatzungszeit (1940-1945) auf Befehl der niederländischen Regierung, die sich seit 1940 in London im Exil befand, der gesamte Eisenbahnbetrieb von September 1944 bis Mai 1945 streikte, tauchte Piet Mulder wie 30.000 andere Eisenbahnbeamte unter. Mit dem Lahmlegen des Eisenbahnnetzes wollte die Regierung den Alliierten, die damals schon in den südlichen Niederlanden waren, einen schnellen und möglichst widerstandslosen Marsch durch die Niederlande ermöglichen.

Opgeblazen spoorbrug bij Zaltbommel, 1945

Gesprengte Bahnbrücke bei Zaltbommel, 1945

Nach der Befreiung der Niederlande von der deutschen Besatzung am 5. Mai 1945 zog Mulder in das zwölf km von Tiel entfernte Geldermalsen. Die letzten acht Monate war die Betuwe Frontgebiet gewesen und nahezu komplett zerstört worden. Mulder wurde hier zunächst mit der Reparatur von Bahnstrecken und Brücken beauftragt, in Tiel, Geldermalsen und Zaltbommel, setzte aber parallel zu dieser Arbeit bei der niederländischen Bahn jahrzehntelang seine künstlerischen Tätigkeiten fort.  Tatsächlich ist Piet Mulder den meisten heute nur noch als Künstler bekannt, der Hunderte von Porträts und Landschaftsbildern angefertigt hat. Seine große Liebe zur Kunst hat sein Sohn Reinjan schon als kleiner Junge sehr aufmerksam zur Kenntnis genommen.

Doch nicht nur väterlicherseits wuchs Reinjan Mulder in einer von Kunst, Geschichte und Landschaft geprägten Atmosphäre auf. Seine Mutter Hanna Mulder-Hulscher (1922-2013), die ab 1951 in Geldermalsen über 50 Jahre lang eine bekannte Tanzschule führte, war eine der bekanntesten Frauen in der Gegend. Sie  hatte zum Teil deutsche Vorfahren. Ihr Großvater, der Diamantenhändler und Kaufmann Albert Canté (1875-1943), Enkel des niederländischen Goldschmieds Ferdinand Jacob Canté (1810-1884), der aus Den Bosch nach Pforzheim umgezogen war, wurde dort 1875 geboren, wo sein Vater die aus Hanau stammende Mina Ochse (1845-1918) geheiratet hatte.

In 1934 poseerde Hanna Hulscher, 12 jaar oud, voor het beeld dat Marinus Vreugde voor het Zonnehuis in Amsterdam Noord maakte (gipsmodel, coll. Museum Het Schip)

1934 stand die 12-jährige Hanna Hulscher Modell für die Statue, die Marinus Vreugde für das Zonnehuis in Amsterdam anfertigte (Gipsmodell, Museum Het Schip).

Hanna Hulschers Eltern waren überzeugte Sozialisten, modern und freiheitsliebend. Man aß vegetarisch, trank keinen Alkohol und machte FKK-Urlaub. Anfang der 1930er-Jahre zogen die Eltern zusammen mit Hanna und ihren jüngeren Brüdern bei einer Wohngruppe in der Michelangelostraat in Amsterdam-Süd ein. So wuchs Reinjan Mulders Mutter in einer Umgebung mit vielen deutschen Emigranten auf, unter ihnen zahlreiche Juden und Kommunisten, Künstler und Musiker. Sie wurde bald auch selbst künstlerisch aktiv und pflegte beispielsweise Freundschaften und Kontakte mit der später bekannten Dichterin Hanny Michaelis (1922-2007), der jüdischen Intellektuellen Etty Hillesum (1914-1943) und ihrem jüngeren Bruder, dem Pianisten Mischa Hillesum (1920-1943).
1938/39 besuchte Hanna Hulscher die Neue Kunstschule in Amsterdam, wo sie u.a. bei geflüchteten deutschen Bauhauslehrern, nämlich Helen Ernst (1904-1948) und Paul Citroen (1896-1983), zeichnen lernte. Tanzstunden erhielt sie bei damaligen Berühmtheiten wie Albert Mol (1917-2004), Hanna Goldstein (1908-1999; ab 1933 Chaja Ruchel Goldstein) und Florrie Rodrigo (1893-1996), an der Musikschule ihrer Tante lernte sie nicht nur Klavierspielen, sondern auch wie man Tanz- und Musikvorführungen mit Kindern veranstaltet.

1939 lernte Hanna Hulscher ihren späteren Ehemann Piet Mulder kennen beim niederländischen Jugendverband für Naturbeobachtung (NJN), einem sozialistisch orientierten Jugendclub, weil sie bei einem Buchladen arbeitete. Während den deutschen Besatzungszeit, als Piet untertauchte, war sie eingesetzt bei der Ernährungszuteilung in Amsterdam, bis sie unmittelbar nach dem Krieg, Mai 1945, heiratete und man nach Geldermalsen umzog.

Piet Mulder: Selbstporträt als Puppenspieler (Fragment), Öl auf Leinwand, 1955 (Privatbesitz)

Der Übergang vom atheistischen, großstädtischen und künstlerischen Umfeld zur Welt des kleinen christlichen Dorfs war für sie zunächst schwierig. Aber das änderte sich, als sie ihre eigene Tanzschule hatte.
Angesichts der Atmosphäre, in der Reinjan Mulder aufwuchs, erstaunt es kaum, dass er schon als kleiner Junge davon träumte, selbst einmal Künstler zu werden. Doch auch sein Interesse an Deutschland wurde bereits in seiner Kindheit geweckt, dies vor allem durch die Spannungen, die es in Bezug auf Deutschland zwischen seinen Eltern stets gab. Denn während seine Mutter aufgrund ihrer Herkunft und den Kontakten, die sie seit ihrer Kindheit zu vielen deutschen Emigranten hatte, großes Interesse und eine positive Einstellung zur deutschen Kultur hatte, lehnte sein Vater aufgrund der Erfahrungen, die er im Zweiten Weltkrieg gemacht hatte, alles Deutsche rundum ab. Er hatte so große Angst vor den Deutschen, dass er sogar noch im Jahr 1976 ein zweites Haus in England kaufte, einen Fluchtpunkt in Harwich, weil er sich nur dort sicher vor ihnen fühlte.

Reinjan Mulders cilinderbureau van Nobelprijswinnaar J.H. van 't Hoff dat in de roman Coffee Company figureert

Reinjan Mulders Sekretär, der einst dem Nobelpreisträger J.H. van ’t Hoff gehörte, der in dem Roman ‘Coffee Company’ vorkommt

1960 passierten zwei Dinge, die das Leben Reinjan Mulders in neue Bahnen lenkten, ihm neue Erfahrungshorizonte und Perspektiven eröffneten: Zum einen kam er bereits mit elf Jahren auf das Gymnasium in Tiel. Das war seinerzeit für einen Jungen wie ihn aus der Mittelschicht eher untypisch, der Besuch des Gymnasiums war damals etwas Elitäres für Kinder reicher Familien. Aber weil er eine Klasse übersprungen hatte und man große Erwartungen in ihn setzte, wählten seine Eltern das Gymnasium für ihn. Die Zwiespältigkeit in Bezug auf Deutschland setzte sich auch im Gymnasium fort, vier Jahre lang hatte Reinjan Deutschunterricht, in dem ihm u.a. vermittelt wurde, dass sich in Deutschland Bestes und Schlimmstes vereinten.
Die zweite Besonderheit des Jahres 1960 war ein außergewöhnliches Geschenk von seinem Onkel Eeuwoud Hulscher: Der Elfjährige erhielt den Schreibtisch des ersten Nobelpreisträgers für Chemie, des Niederländers J. H. van ´t Hoff (1852–1911), den dieser ‘als Anerkennung des außerordentlichen Verdienstes, den er sich durch die Entdeckung der Gesetze der chemischen Dynamik und des osmotischen Druckes in Lösungen erworben hat’. Mitgeschwungen haben mag da unausgesprochen der Auftrag: Nun werde auch du ein Van ´t Hoff.
Wie sehr dieses Geschenk Reinjan geprägt, wie sehr ihn die Person van ´t Hoffs tatsächlich verfolgt hat, würde erst Jahrzehnte später zum Ausdruck kommen, in Reinjan Mulders Roman Coffee Company (2011).

1966 folgte das einschneidende Jahr, auf das Reinjan Mulders Werk Zwavelwater zurückgeht: Mit 17 Jahren legte er nicht nur erfolgreich das Abitur ab, sondern reiste auch zum ersten Mal in seinem Leben nach Deutschland. Seine Schulkameradin Reinet van Haeften, die Urenkelin von Adriaan Stoop, lud zehn Klassenkameraden für eine Woche zum Sommerurlaub nach Deutschland ein, nach Bad Wiessee, ins Ferienhaus ihrer Familie: Haus Jungbrunnen. Mulders Vater hatte Vorbehalte gegen diese Reise und Deutschland im Allgemeinen. Auch Reinjan selbst war von der Sicht vieler Niederländer auf Deutschland als Ort des Schreckens und Heimat des Bösen nicht ganz unbeeinflusst – während seine Mutter über die Einladung ihres Sohns in den Kreis der reichen und bekannten Familie van Haeften stolz war.

1966: aankomst van de Gymnasiasten in Haus Jungbrunnen in Bad Wiessee.

1966: Ankunft der Abiturienten im Haus Jungbrunnen in Bad Wiessee

Die Urlaubstage in Bad Wiessee und das Erlebnis der dortigen Bergwelt veränderten Mulders Bild von Deutschland nachhaltig. Ja, tatsächlich wurde dieser erste Aufenthalt zum Beginn seiner Liebe zu Deutschland.
Den Schulabschluss in der Tasche, auch mit 17 Jahren noch immer vom Wunsch beseelt, Künstler zu werden, und überzeugt, ein Philosophiestudium wäre diesem Ziel dienlich, begann Reinjan noch im Sommer 1966 an der Universität Amsterdam mit dem Studium dieses Fachs. Bereits ein Jahr später brach er es wieder ab. Er fand die universitäre Philosophie zu theoretisch, zu wenig an den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen interessiert. Mit dem Argument, mit Kunst könne man kein Geld verdienen, riet ihm sein Vater, Jura zu studieren, womit man doch schließlich alles werden könne. Und so wechselte Mulder im Sommer 1967 ins Jura-Studium. Er hatte festgestellt, dass dieses Fach im Gegensatz zu Philosophie sehr wohl alle neuen gesellschaftlichen Entwicklungen berücksichtigte: Wie damals in ganz Europa gab es in den 1960ern-Jahren auch in den Niederlanden immense Gesetzesveränderungen, speziell im Strafrecht, veranlasst durch Hausbesetzungen, politische Verbrechen, Diskussionen über Pornografie, Pressefreiheit und Klassenunterschiede. Mulder, den all diese Geschehnisse faszinierten – 1968 besuchte er in Amsterdam eine Lesung von Rudi Dutschke –, spezialisierte sich auf Strafrecht und Kriminologie.

Reinjan Mulders Debüt als Journalist: Strafrecht in de DDR – Levensinstelling Bepalend voor Strafmaat. De Groene Amsterdammer, 26-06-1991.

1969 trat er in den Studentenverein für Strafrecht M.P. Vrij ein, der 1971 eine vom DAAD finanzierte einwöchige Reise nach Deutschland unternahm. Mulders zweite Reise nach Deutschland. In Begleitung von Professor Enschedé, Professor für Strafrecht an der Universität Amsterdam, und seinem späteren Nachfolger Frits Rüter, einem Spezialisten für NS-Verbrechen, besuchten die Studenten Münster, West- und Ost-Berlin. Tatsächlich durften die niederländischen Studenten, die sich damals alle mit der Frage beschäftigen, wie man es wohl in der DDR mit dem Strafrecht halte, in Ost-Berlin einige Stunden an einem Strafrechtsverfahren teilnehmen. Fasziniert protokollierte Mulder alles. Die Eindrücke waren so stark, dass er, kaum zurückgekehrt nach Amsterdam, einen Artikel für die progressive Wochenzeitung De Groene Amsterdammer schrieb, in dem er berichtete, was er in der DDR gesehen und erlebt hatte. Der 23-Jährige stellte in ihm die Frage, wer eigentlich und warum in einer sozialistischen Gesellschaft als „Verbrecher“ gebrandmarkt werde. Doch nicht nur die DDR, auch die BRD beschäftigte ihn. Insbesondere die Frankfurter Schule hatte es Mulder angetan. Er las u.a. Texte von Adorno, Horkheimer und Habermas.

1973 hatte Mulder sein Jura-Diplom in der Tasche, trug nun den Titel ‘Mr’ (Diplomierter Jurist). Doch er stellte fest, dass er nicht als Anwalt arbeiten wollte. Viel lieber wollte er Wissenschaftler sein, sich mit Kriminologie und Sozialwesen beschäftigen. Prof. Dr. Jac. (Koos) van Weringh machte ihm den Vorschlag, in diesem Bereich zu promovieren, und bot ihm eine Doktoranden-Assistentenstelle am Kriminologischen Institut Bonger der Universität Amsterdam an.

Piet Mulder, Reinjan leest, olieverf op linnen, 1973 (Schriftstellergealerie, Literaturmuseum, Den Haag)

Piet Mulder, Reinjan liest, Öl auf Leinwand, 1973 (Schriftstellergalerie, Literaturmuseum, Den Haag)

Reinjan Mulder nahm die Doktorandenstelle bei Prof. van Weringh 1975 an. Das Strafrecht der DDR, dessen marxistische Ideologie – das war es, was Mulder besonders spannend fand. Ein Vergleich der Rechtswissenschaften in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen interessierte ihn. Mit van Weringh reiste er 1977 nach Berlin und fasziniert verfolgte Mulder, was sich damals politisch in Deutschland alles ereignete: RAF, Berufsverbote, Demonstrationen, Lesungen von Dichtern und Vorträge von Politikern. 1980 lieferte eine Doktorarbeit ab, die den Titel Verbrechen und Macht trug und in der er die juristische Nachkriegsgeschichte und das Strafrechtssystem der DDR untersucht hatte.

Das alles klingt nach einer erfolgreichen juristischen oder krminologischen Karriere, so wie sich das Mulders Vater für seinen Sohn gewünscht hatte. Doch parallel dazu hatte Reinjan ein zweites Leben geführt, eines, das im Dienste der Literatur und der Kunst stand. In einem Punkt nämlich hatte sich sein Vater geirrt: Sein erstes Geld hatte Mulder nicht mit der Juristerei oder Kriminologie, sondern mit der Kunst, mit der Literatur und mit Artikeln verdient, die er für bekannte Zeitschriften und Zeitungen geschrieben hatte.
1970, mit 20 Jahren, hatte Mulder als Dichter an literarischen Wettbewerben der Tageszeitung NRC Handelsblad und De Gids teilgenommen – und zwei Jahre später war er als Redakteur der Zeitung Propria Cures, einer legendären literarischen Studentenzeitung tätig. Nomen est omen: Das lateinische „propria cures“ bedeutet so viel wie: Kümmere dich um deine eigenen Dinge, oder auch im übertragenen Sinn: Kümmere dich um dich selbst, kümmere dich um die Dinge, die dir zu eigen sind. Und genau dies hatte Mulder im Sinn gehabt, als er an diese Zeitung einige Artikel geschickt hatte. Sie wurden veröffentlicht und bald fragte man ihn, ob er Lust habe, Redakteur der Zeitung zu werden.

Seine Artikel über Kunst, Literatur und Politik blieben in der Szene nicht unbeobachtet. Noch bevor er nach Abschluss seines Studiums die Studentenzeitschrift verließ, wurde er von der renommierten Zeitung NRC Handelsblad engagiert. Neben seiner Doktoranden-Assistentenstelle schrieb Mulder von 1975 an – und bis 1997 – Kritiken und Artikel über Literatur.

Katalog der Ausstellung Objectief Nederland (Entwurf Peter Koene), Amsterdam (Babel & Voss), 2014.

Doch der Paralleltätigkeiten nicht genug: 1971 hatte es seitens der Amsterdamer Stadtregierung eine Ausschreibung im Bereich der Fotografie gegeben. Mulder (22) hatte dann ein erstes Konzept für das von ihm anvisierte Projekt Objectief Nederland eingereicht. Aber auch wenn das Gremium sein Projekt für sehr interessant befand, es war das beste das eingereicht wurde, hörte er, wurde es doch abgelehnt, weil er kein Berufs-Fotograf war.
Erst 1973 kam Mulder bei einer ähnlichen Ausschreibung in Den Haag zum Zug: Das nationale Ministerium für Kultur, Freizeit und Sozialarbeit (CRM) verlangte „künstlerische Experimente“, auf die das leicht abgewandelte Konzept Mulders perfekt passte. Er wollte im Lauf eines Jahres eine objektive Realität der Niederlande einfangen, ungefärbt von Traditionen, Zugänglichkeit und Schönheitsidealen, nicht von persönlichen Vorlieben dominiert oder durch Kategorien wie „wichtig“ oder „schön“ deformiert – ein „zufälliger“ Blick sollte es sein.
Wahrscheinlich erhielt Mulder diesen Kunstauftrag vom Ministerium auch deswegen, weil die Künstler und Kunsthistoriker, die damals das Jawort für sein Projekt erteilten, seinen Namen aus der Studentenzeitschrift Propria Cures kannten. Das Fotoexperiment, das Mulder 1974 unternahm, bestand darin, dass er ein grob gewebtes Gitter auf eine Karte der Niederlande legte und sich danach auf den Weg machte, um die 52 sich so ergebenden Kreuzungen zu fotografieren. Das Resultat waren 208 Bilder, die zusammen das Fotoprojekt Objectief Nederland bildeten, das jetzt der Konzeptkunst zuzurechnen ist.

1979 war Mulder 30 Jahre alt. Seine vierjährige Doktorandenstelle an der juristischen Fakultät in Amsterdam war auszulauten, seine Doktorarbeit nahezu fertiggestellt, als NRC Handelsblad anfragte, ob er festangestellter Redakteur für Literatur und Kunst werden wollte. Ein Traum ging in Erfüllung, Mulder nahm an. Nun konnte er sich voll auf das konzentrieren, was er am liebsten tat, über Kunst und Literatur lesen, nachdenken und schreiben. Bis 1983 arbeitete er in der Kunstredaktion als Redakteur, schrieb und redigierte Artikel, machte Titelschlagzeilen, suchte Bilder und Illustrationen aus, gab Interviews und Fototermine mit Künstlern und Zeichnern in Auftrag oder erledigte sie gleich selber. Des Weiteren war er verantwortlich für die Schlussredaktion des Feuilletons. Die ganze NRC Handelsblad-Redaktion war damals sehr deutschfreundlich, und mehr kontinental als atlantisch orientiert. Reinjan Mulder besaß ein Abonnement der deutschen Wochenzeitung Die Zeit und die Redaktion verfolgte interessiert das Geschehen im deutschen Kino (Wim Wenders, R.W. Fassbinder), Theater (Klaus Peymann) und in der bildenden Kunst (Kiefer, Beuys).

1982 erschien ‘Armando uit Berlijn’ beim Bezige Bij Verlag, mit Kolumnen die er September 1980 – April 1982 für NRC Handelsblad schrieb (4. Auflage 1990).

In dieser Zeit lernte Mulder bei NRC Handelsblad das Multitalent und den Ausnahmekünstler Armando (1929-2018) persönlich kennen. Er arbeitete von 1980 bis 1983 als einer seiner Redakteure mit ihm zusammen. Der Niederländer Armando (eig. Herman Dirk van Dodeweerd) war schon lange als Maler und Schriftsteller bekannt, als er im Sommer 1980 von der DAAD eingeladen wurde, nach Berlin zu kommen. Die Kunstredaktion von NRC entschloss sich dann, Armando für eine zweiwöchentliche Kolumne ‘Armando in Berlin’ zu engagieren. Fünf Jahre lang schickte der Künstler seine Kolumne über Berlin in die Niederlande zur NRC, und sie wurde schnell sehr geliebt.

1983 erhielt Reinjan Mulder das Angebot, eine Stelle am Sociaal en Cultureel Planbureau (SCP) in der Nähe von Den Haag einzunehmen, am Planungsstab für Rechtswissenschaft. Mulder, der sich weiterhin für Fragen von Verbrechen und Macht, für persönliche Schuld und Verantwortung in Extremsituationen interessierte, nahm die Stelle am SCP an. Das bis heute bestehende einflussreiche Institut leistete damals Pionierarbeit. Hier wurde analysiert und dokumentiert, was sich in der niederländischen Gesellschaft in den Bereichen Gesundheit, Sozialhilfe, Erziehung, Armut, Recht, Religion und Arbeit alles veränderte. Und hier am SCP war Mulder verantwortlich für den Bereich des Rechts und des Rechtssystems mit allem, was dazugehörte: Kriminalität, Täter und Opfer, Rechtshilfe und Polizei. Jedes Jahr gab das SCP einen Bericht über die Lage der Nation heraus, für den Mulder das Kapitel über die Justiz schrieb. Er publizierte in jener Zeit auch wissenschaftliche Aufsätze und Bücher: über die Tätigkeiten der Polizei (Samenhang in de politiezorg, Rijswijk, 1986) sowie über die Sorge und Verantwortlichkeit für die Opfer der Kriminalität (Wie helpt het slachtoffer? Den Haag, 1989). 

Voor NRC schreef Reinjan Mulder over de premiëre van Andrzej Wajda's verfilming van Meisje Niemand, in Polen op Wajda's 70ste verjaardag.

Für NRC schrieb Reinjan Mulder über die Premiere von Andrzej Wajdas Verfilmung von Panna Nikt (Missl Nobody) in Swidnica (Polen) an Wajdas 70. Geburtstag, 15-9-1996. (Foto Reinjan Mulder)

Zu sehen ist, dass Reinjan Mulder längst Übung darin hatte, ein Leben zu führen, das zwischen zwei Polen hin und her pendelte. Nach sechs Jahren Rechtswissenschaft am SCP waren 1989 wieder Kunst und Literatur dran: NRC Handelsblad plante eine sechs Seiten umfassende Wochenbeilage für Literatur CS Literair und wollte Mulder für den Posten des zuständigen Redakteurs. Natürlich nahm er das Angebot an. Jahrelang beschäftigte er sich nur noch mit Literatur und Schriftstellern, wählte Bücher und ihre Rezensenten aus, schrieb Kritiken und Nekrologe und führte Mengen an Interviews mit der in- und ausländischen Literaturszene.

W.G. Sebald: Die Ringe des Saturn – Eine englische Wallfahrt. Frankfurt am Main (Eichborn), 1995. Reprint der limitierten Bleisatzausgabe aus 1995, in Hans Magnus Enzensbergers Reihe Die Andere Bibliothek.

Damals überstürzten sich die Ereignisse in Mitteleuropa: Die Mauer fiel, die Tschechoslowakei, Ungarn, Polen und die Sowjetunion befreiten sich. Für einige Jahre war Mulders Interesse wieder stark nach Osten ausgerichtet. Regelmäßig reiste er nach Berlin, aber jetzt auch an andere Orte in Deutschland, wo er für NRC Reportagen erstellte und Schriftsteller und Dichter interviewte: Elke Erb, Lutz Rathenow, Stephan Hermlin, Martin Walser, Rolf Hochhuth. Seit 1989 besuchte er jedes Jahr nicht nur die Frankfurter sondern auch die Leipziger Buchmesse und er bevorzugt Letztere noch immer als weitaus offeneren und politischeren Diskussionsraum gegenüber der Messe im kommerziellen Frankfurt. Es war in Leipzig dass Mulder mit Schriftstellern sprach wie Günter Grass, Edgar Hilsenrath, Peter Handke und Christa Wolf, wobei es ihm zum Vorteil gereichte, dass er sich schon lange gut mit Ost- und Mitteleuropa auskannte und Deutsch sprach – das konnte nicht jeder niederländische Journalist.
Überhaupt lernte Mulder während seiner Zeit als Literaturredakteur bei NRC viele Koryphäen kennen, darunter Pat Barker, Joseph Brodsky, Esther Freud, Claudio Magris, Edna O’Brien, Hertha Müller, Anna Enquist, Conny Palmen, Graham Swift, Tomek Tryzna, Antjie Krog, Tessa de Loo, Ryszard Kapuczinski, Susan Sontag, Czeslaw Milosz – viele von ihnen verdanken ihm den damals hoheren Bekanntheitsgrad ihrer Bücher.
Seit 1995 stand Reinjan Mulder auch mit dem deutschen Schriftsteller W.G. Sebald (1944-2001) in Kontakt und interviewte ihn für NRC Handelsblad in Poringland (England) als er international noch kaum bekannt war. Schon früh hatte dieser aus Wertach (Bayern) stammende deutsche Literaturprofessor seine verhasste Heimat verlassen, um sich in England ein neues Leben aufzubauen. Wie Armando sah und suchte auch Sebald nach Spuren der Geschichte, des Zweiten Weltkriegs, in der Landschaft, und ähnlich wie Armando schrieb er darüber, auf welch vielfältige Weise dies alles noch immer eine Rolle spiele.

So kam Reinjan Mulder zufällig auch ein Buch über Adrian (eig. Adriaan) Stoop unter die Augen, der als Pionier der Erdölindustrie schwerreich geworden war. Dieses Buch, das eine Nachfahrin Stoops veröffentlicht hatte, Henriette van Voorst Vader-Duyckinck Sander, rief in ihm die Erinnerung an eine 1966 am Tegernsee verbrachte Sommerwoche wach und das von Stoop erbaute Jodschwefelbad in Bad Wiessee. Was er dort als Jugendlicher mit seiner Schulklasse erlebt hatte, ging ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf und nach 2010 begann er sich tatsächlich auf Spurensuche zu begeben und in Bücher und Archiven für Schwefelwasser zu recherchieren.
Als NRC Handelsblad 1997 einen neuen Chef bekam, die sechsseitige Literatur-Wochenbeilage abgeschafft wurde und der Bereich für Literatur mit dem für Sachbücher zusammengelegt, hielt Mulder seinen neuen Posten als Verantwortlicher der Meinungsseite kaum ein Jahr aus, weil das Schicksal es wollte, dass das Pendel nochmals in Richtung Literatur ausschlug: Am 1. März 1998 wurde er Verleger bei De Geus. Dieser politisch linksliberal ausgerichtete Verlag aus Breda galt damals als sehr progressiv. Publiziert wurde asiatische, arabische, afrikanische und schwarz-amerikanische Literatur, feministische Bücher und Bücher die von Migranten stammte, die aus der Türkei, Marokko oder dem Iran nach Europa kamen. Schrifsteller bei De Geus waren u.a. Maya Angelou, Alice Walker, Fatima Mernissi, Nagieb Mahfoez und Kader Abdolah und später kamen erfolgreiche Schriftsteller aus skandinavischen Ländern hinzu: Marianne Fredriksson, Karl Over Knausgard und Henning Mankell.
Mulder war bei De Geus zwar für niederländische Literatur und Sachbücher zuständig, durfte aber auch andere Manuskripte und Lizenzen einkaufen, darunter von Martin Walser Springender Brunnen, über seine Kriegszeit als Kind am Bodensee.

Schliersee 1998. Reinjan Mulder ontmoet Arnon Grunberg alias Marek van der Jagt. Coll. Bijzondere Collecties

Schliersee 1998. Reinjan Mulder trifft Arnon Grunberg alias Marek van der Jagt. (Foto Claire Weeda, Coll. Allard Pierson Museum / Spezialsammlungen)

In Schwefelwasser erwähnt Reinjan Mulder, dass er in früheren Zeiten immer mit einem Freund in Schliersee beim Wandern war, erzählt, dass gerade auch durch diese gemeinsamen Wanderungen in den Bergen seine große Liebe zu Deutschland gewachsen und erhalten geblieben sei. Dieser Freund war Arnon Grunberg (Grünberg), der heute international so berühmte niederländische Schriftsteller, mit dem Mulder als Verleger bei De Geus eng zusammenarbeitete und der ihm sehr viel über Deutschland erzählte: Grunbergs Mutter, die Deutsche Hannelore Klein, war 1939 auf dem Schiff St. Louis gewesen, das mit 900 Juden an Bord von Hamburg nach Kuba abgefahren, aber von dort wieder zurück nach Europa geschickt worden war, weil die Kubaner (und später die Argentinier und die US-Amerikaner) keine jüdischen Flüchtlinge aufnehmen wollten. So war sie ungewollt nach Amsterdam gekommen.
In seinem Buch Sterker dan de waarheid: de geschiedenis van Marek van der Jagt (Breda, 2002) hat Arnon Grunberg über die gemeinsamen Bergwanderungen und Arbeitssitzungen mit Reinjan Mulder Folgendes festgehalten:

Im November 1999 fahre ich über München nach Schliersee in den bayerischen Bergen. Eine Schlüsselszene in Amour fou (nl: De geschiedenis van mijn kaalheid) soll sich nämlich dort abspielen. (…)
Schliersee kenne ich aus meiner Jugend, als wir vier Wochen am nahegelegenen Tegernsee verbrachten. Meine Eltern hatten damals hysterisches Heimweh nach dem deutschen Mittelgebirge, und das habe ich jetzt auch. Wenn ich einen deutschen Berg sehe, stoße ich einen Freudenschrei aus. (…)
Auch Reinjan Mulder kommt nach Schliersee. (…) Ich bringe eine Freundin mit (…). Sie findet es zwar ein bisschen seltsam, dass auch Mulder in Schliersee auftaucht, doch ich erkläre ihr, dass ich schon seit Jahren mit Mulder in den deutschen Bergen wandern gehe, und sie gibt sich mit dieser Erklärung zufrieden (…).
Im Februar 2000 ist
Amour fou fertig. Anfang April wird Phantomschmerz in den Niederlanden präsentiert. Davor reise ich über Spanien nach Schliersee, um dort, gemeinsam mit Reinjan Mulder, das Manuskript von Amour fou durchzugehen.

Tatsächlich machte Mulder mit Arnon Grunberg zwischen 2000 und 2003 und 2008 mehrere Bücher, die bei De Geus unter dem Pseudonym ‘Marek van der Jagt’ erschienen, dessen (fiktive) Identität Grunberg gemeinsam mit Mulder entwickelte.

2003 verließ Mulder De Geus, wechselte zum Meulenhoff Verlag, bis 2006 – Mulder war damals 57 Jahre alt – zwei junge Verleger bei Meulenhoff übernahmen. Ab 2007 arbeitete er dann als Freelancer für Verlage wie Lebowski und Nieuw Amsterdam und 2009 gründete er nach dem Motto ‘Auf zu neuen Ufern’ zusammen mit zwei Freunden seines Sohnes Gijs den Verlag Babel & Voss. Später kam Thomas Heerma van Voss (1990) dazu, der heute zu den bekanntesten jungen niederländischen Autoren zählt. 2014 veröffentlichte Thomas Heerma van Voss über Babel & Voss ein kleines, ebenso amüsantes wie eindrückliches Buch über die Gründung des Verlags, das so erfolgreich war, dass es 2019 unter dem Titel Unsichtbare Bücher in einem deutschen Verlag herauskam.

Irma Boom, Plakat für die Ausstellung Objectief Nederland. Amsterdam (Rijksmuseum), 2014.

Doch die Geschichte Reinjan Mulders bestand in den letzten Jahrzehnten nicht nur aus Verlagsarbeit. Die Vergangenheit griff nach ihm in seiner Rolle als Fotokünstler und ein kleines Wunder geschah – 2011 erwarb das Reichsmuseum in Amsterdam Mulders konzeptuelles Fotokunstwerk Objectief Nederland, dass er 1974 fertiggestellt hatte; eine bemerkenswerte Anerkennung und ein einschneidendes Erlebnis, hinter dem sich folgende Geschichte verbirgt:
Als Mulder 2010 erfuhr, dass Arnon Grunberg sein großes und kostbares Archiv der Bijzondere Collecties (BC) geschenkt hatte, einer Unterabteilung der jahrhundertealten Universitätsbibliothek Amsterdam (jetzt zusammengelegt mit dem Allard Pierson Museum), sichtete Mulder seinen eigenen Besitz von Hunderten Faxen und E-Mails von Grunberg, Manuskripten, Fotos und frühen Versionen einiger seiner Romane samt der Änderungen seines damaligen Verlegers Mulder. Weil solche Dinge für Literaturwissenschaftler interessant sind, fragte er bei Bijzondere Collecties nach, ob sie nicht auch sein Grunberg-Archiv als Geschenk wollten. Sie wollten, kamen zu Mulder in die Wohnung, sahen was er alles hatte – und bemühten sich gleich um sein gesamtes persönliches Archiv. Sie sagten sie wollten tatsächlich ein ‘Reinjan Mulder-Archiv’ in ihre Kollektion aufnehmen.
Wenige Wochen später kamen sie zurück und entdeckte der Konservator von BC in Mulders Archiv noch eine alte, große Dose mit Briefen, Texten und Fotografien aus dem Jahr 1974. Er wollte wissen, was das sei. Mulder sprach von einem alten Kunstprojekt, das leider nicht gelungen sei, weil er damals kein Museum, Kunsthaus oder Buchverlag gefunden habe, der es zeigen wollte. Der Konservator bestand darauf, alles genau zu sichten, und hätte das alte Kunstprojekt sofort auch für die BC genommen.
Reinjan Mulder lachte und meinte, wenn er das wirklich interessant fände, wäre es vielleicht besser, es ins Reichsmuseum in Amsterdam zu geben, da dies doch für die ‘nationale Präsentation von Kunst und Geschichte’ gebaut und eingerichtet worden sei. In Absprache mit dem Konservator der BC schrieb er noch am gleichen Tag eine kurze, entsprechende E-Mail ans Reichsmuseum – und einen Tag später schon wurden zwei Konservatoren geschickt, die alles sofort sehen wollten. Ja, das wollten sie!
Für die Aufnahme ins Museum fehlte jetzt nur noch die Zustimmung des Direktors Wim Pijbes und seiner Kollegen.

Restaurator Martin Jürgen richt met conservatoren Mattie Boom en Harm Stevens de tentoonstelling in het Rijksmuseum in.

Juni 2016. Restaurator Martin Jürgen richtet mit den Kuratoren Mattie Boom und Harm Stevens die Ausstellung Objectief Nederland im Rijksmuseum ein (Foto Reinjan Mulder)

2011 teilte das Reichsmuseum Reinjan Mulder mit, dass sie sein Kunst-Fotoprojekt Objectief Nederland, die 208 Bilder, die Dokumentation, alle Karten und die Korrespondenz (taxierter Gesamtwert damals: 10.000 Euro) gern als Schenkung annehmen würden und auch nach einer Möglichkeit suchten, es bald im Museum zu zeigen.
Die Dinge entwickelten sich anschließend wie folgt: Die Bijzondere Collecties erhielt 2011 Mulders persönliches Archiv als Schenkung, das Reichsmuseum in Amsterdam alles, was mit Objectief Nederland zusammenhing und Mulders aus dem Jahr 1974 stammendes Fotokunstwerk wurde von Juni bis September 2016 in den Räumen des Reichsmuseums der Öffentlichkeit präsentiert. Das Museum zählte mehr als 20.000 Besucher, mehr als die Hälfte davon Ausländer, Reinjan Mulder gab Lesungen, Führungen und Interviews und man verkaufte Hunderte von Katalogen.

Reinjan Mulders Debüt als Romandichter: Coffee Company. Amsterdam (Nieuw Amsterdam), 2011. Entwurf Volken Beck.

Lange waren Mulder – und andere – enttäuscht gewesen, dass sein Projekt und seine Ideen aus den 1970er-Jahren nicht geschätzt worden waren. 40 Jahre später war sein einst vom Kultusministerium in Auftrag gegebenes experimentelles Fotokunstwerk also doch noch zu seinem Recht gekommen. Darüber hinaus regte Berno Strootman, ein Regierungsadvisor, der die Ausstellung besichtigte, an, alle damals von Mulder fotografierten Orte 2017 erneut abbilden zu lassen und fanden sie Cleo Wächter dazu bereit, eine Künstlerin, die mit ihren 25 Jahren ebenso alt war, wie es Mulder 1974 gewesen war.

2011 war noch in anderer Hinsicht bemerkenswert: Es war das Jahr, in dem Reinjan Mulder Coffee Company publizierte, einen Roman über J. H. van ’t Hoff, den ersten Nobelpreisträger der Chemie, dessen Person ihn geprägt hatte, seit er mit elf Jahren dessen Schreibtisch als ein Geschenk erhalten hatte. Nachdem Mulder 50 Jahre selbst an diesem Schreibtisch gearbeitet hatte, hatte er sich entschlossen, das wertvolle Stück dem bedeutenden Wissenschaftsmuseum Museum Boerhaave in Leiden zu schenken und tatsächlich war er dann erstaunt zu hören, dass das Museum ‘bereits im Besitz [war] des Schreibtischs des Nobelpreisträgers’.
Erst später wurde deutlich, wie das möglich war. Das Museum hatte das Möbelstück, das van ’t Hoff später noch erhalten hatte, als Geschenk, als er 1896 einem Ruf an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin gefolgt war und seinen eigenen Schreibtisch, Reinjan Mulders Schreibtisch, in Amsterdam hinterlassen musste.

Interview Reinjan Mulder über Schwefelwasser. Tegernseer Zeitung, 23-08-2019

So verblieb denn Van ’t Hoffs erster Schreibtisch noch länger bei Mulder und wurde zum Hauptmotiv seines ersten Romans. Van ’t Hoffs Person – und seine zwei Schreibtische – ließen ihn nicht los. Ebenso wie eine zweite deutsch-niederländische Persönlichkeit, die eng mit seiner Jugendzeit verknüpft war: Adrian Stoop.
Reinjan Mulder beschloss noch im gleichen Jahr, als Coffee Company erschien, sich auf die Spuren von Adrian Stoop und seinem Jodschwefelbad in Deutschland zu machen. Beide historischen Figuren wiesen viele Ähnlichkeiten auf: van ’t Hoff wurde 1852 geboren, Stoop 1856. Beide galten als Pioniere der exakten Wissenschaft am Ende der 19. Jahrhunderts, als Exponenten der neuen wissenschaftlichen Methoden und Techniken. Obwohl beide eher traditionellen, durch eine klassische Gymnasialkultur geprägten Familien entstammten, wählten sie für ihre schulische Ausbildung eine moderne, bürgerliche Realschule (HBS), wo man viel Mathematik, Physik und Chemie lernte. So dass beide Niederländer später auch in Deutschland sehr erfolgreich waren.

Reinjan Mulder reiste in den folgenden Jahren mehrmals nach Bad Wiessee, besuchte das Archiv der Tegernseer Zeitung, entdeckte weitere Tegernseer und Münchner Archive und auch der Kontakt zu Stoops Erben glückte später noch: Henriette van Voorst Vader-Duyckinck Sander, heute über 80 Jahre alt, berichtete Mulder von ihrer Zeit als Kind in Bad Wiessee: 1939-1946.

Entwurf Schwefelwasser. Erscheint 20. September 2020 im VolkVerlag.

Unter dem Titel Zwavelwater – De geschiedenes van Adriaan Stoops kuuroord in Zuid-Duitsland (dt.: Schwefelwasser. Die Geschichte von Adriaan Stoops Kurort in Süddeutschland) erschien im Frühjahr 2019. Mulders Buch im Boom Verlag in Amsterdam und wurde folgendermaßen beworben: „Reinjan Mulder combineert het persoonlijke met het historische in zijn fascinerende onderzoek naar de geschiedenis van den Duits-Nederlands kuuroord“ (dt.: Reinjan Mulder kombiniert das Persönliche mit dem Historischen in seiner faszinierenden Untersuchung der Geschichte eines Deutsch-Niederländischen Kurortes). Das Cover der niederländischen Ausgabe lehnte sich an eine alte Postkarte aus dem Jahr 1912 an, die einen idyllischen Blick auf das alte Bad Wiessee eröffnet und das sich im Tegernsee spiegelnde erste Badehaus vor Bergpanorama präsentiert – ein Fund aus dem Bad Wiesseer Archiv.

Während Reinjan Mulders Fotografien schon 2014 in das Buch Modern Times – Photography in the 20th Centrury (Rijksmuseum, 2014) Eingang fanden, wurde er 2019, kurz nach dem Erscheinen des Buchs Zwavelwater, nun auch in die ‘Schriftstellergalerie’ des Niederländischen Literaturmuseums in Den Haag aufgenommen.
Auf der Seite des Literaturmuseums kann man lesen: “Reinjan Mulder liebt Literatur. Nicht nur als Dichter und Schriftsteller, sondern auch als Essayist und Literaturjournalist.”

Reinjan Mulder, Schwefelwasser Das Wunder von Bad Wiessee, übersetzt von Lotte Hammond,  Nachwort Ingvild Richardsen, erscheint  20. September 2020 bei Volk-Verlag München.
Die niederländischse Ausgabe Zwavelwater- De geschiedenes van Adriaan Stoops kuuroord in Zuid-Duitsland vom Boom Verlag, Amsterdam erschien 2019.
Interview und Lesen aus Schwefelwasser bei Radio Hörbahn sind hier zu hören. 

2 Reacties

  1. Joke van Overbruggen

    Wie ist die Titelei dieses Buch auf Deutsch?
    Danke

  2. ‘Reinjan Mulder: Schwefelwasser – Das Wunder von Bad Wiessee’, übersetzt von Lotte Hammond, Volkverlag, München

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